4/20 Kirchenfenster

GottesGabe

Fast hätte meine erste Pfarrstelle nach dem Studium Poritz geheissen. Und das ist kein Witz! Doch die Pfarrstelle am gefühlten Ende der Welt war durch einen Planungsfehler schon besetzt, so dass ich anderswo eingesetzt wurde, nämlich in Hohenberg-Krusemark. Wo in diesem Ort der hohe Berg ist, habe nie herausgefunden, denn die Gegend dort ist flach wie ein Teller und man kann schon am Mittwoch sehen, wer am Sonntag zu Besuch kommt.
Mein Schwager musste zum Beispiel als Kirchenmusiker oft in dem Ort Wolkenrasen Orgeldienst leisten. Welch ein klangvoller Name. Man sieht sie fast vor sich, die rasenden Wolkentürme, wie sie sich bei Wind oder Sturm ihren Weg am Himmel bahnen. Ein Kollege im Pfarramt meinte mal zu dem Thema Ortsnamen, er würde sehr gerne Pfarrer in Biere oder Kneipe werden, weil es sich einfach zu lustig anhören würde: „Ich bin der Pfarrer von Biere und geniesse es jeden Tag!“ Dagegen wären solche Ortsnamen wie Elend, Hundeluft, Sargleben oder Oberhäslich nicht unbedingt seine Favoriten.

Interessant finde ich ja, wie solche Namen von Orten überhaupt zustande kommen. Bei einem weiss ich es zufällig, weil wir einmal in dessen Nähe wohnten.
Da gab es im Mittelalter ein Wirts-haus an einer Wegkreuzung zweier Handelsstrassen. Dieses Wirtshaus war der „Schwarze Kater“, dessen Name später auf den entstehenden Ort überging. Wie das aber bei solchen Orten wie Lederhose, Kuhfrass, Dümmer, Fräulein-Steinfeld oder Wassersuppe zustande gekommen ist, das wäre noch etwas zum Herausfinden für lange Winterabende. Es gibt sogar Fegefeuer oder Siehdichum. Schön finde ich auch den Namen der Kreisstadt Oschatz, in dessen Nähe sich übrigens das kleine Dorf Oschätzchen befindet.
In unseren Sommerferien fuhren wir an einem Wegweiser vorbei, der auf den Ort Gottesgabe hinwies. Wir sind dann extra zu diesem Dorf gefahren. Es waren nur ein paar Häuser, ein ganz kleiner Ort inmitten von weiten Feldern, einem hohen Himmel und sonst nichts.
Aber für die Menschen, die diesen Ort damals gegründet haben, wird dieser Flecken Erde etwas ganz besonderes gewesen sein: eine Gottesgabe, ein Geschenk.
Mir ging durch den Sinn, dass vieles, was ich in meinem Leben ohne grosse Gedanken einfach hinnehme, eigentlich ein Gottesgeschenk ist. Zum Beispiel ein Zuhause oder ein Ort, an dem ich Frieden finde. Auch freundliche Menschen, ein guter Schlaf oder eine erfüllende Tätigkeit sind alles Dinge, die ich ja nicht selber her-stellen kann.
Es ist schön, wenn ich solche Dinge als Gottesgabe oder als Geschenk ansehe, denn dann empfinde ich Dankbarkeit auch für das scheinbar Einfache und Selbstverständliche.
Das macht mich zufriedener und auch ein bisschen glücklich.
Gottesgabe 1 km“ – das Hinweisschild habe ich mir jetzt über den Schreibtisch gehängt.

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